Gedankenwelt

Your story isn’t over yet

29. Mai 2018

Kaum habe ich die zweite Staffel von Tote Mädchen lügen nicht beendet, drängt sich mir das Gefühl auf, über etwas schreiben/reden zu wollen. Nicht, dass ich es nicht schon mit meiner Therapeutin ausführlich besprochen hätte, doch das Niederschreiben hat irgendwie nochmal einen anderen Stellenwert.

Es ist nun ein Jahr her,

dass ich die Nachricht erhielt, dass eine liebe Freundin, sie nannte sich selbst Hope, gestorben ist. Hope lebte 24 Jahre mit Qualen, die wohl nie jemand so recht verstehen oder nachvollziehen kann. Vielleicht auch doch, mir gegenüber blieb ihre Geschichte jedoch immer unerzählt. Sie hatte Depressionen und war suizidgefährdet, zugleich war sie eine Kämpferin und ein lebensfroher, lustiger, liebevoller und herzlicher Mensch. Eine Träumerin.

Kennengelernt habe ich sie vor ca. sieben Jahren in der Klinik und irgendwie war sie von jetzt auf gleich in meinem Herzen. Wie eine kleine Schwester, wir haben über alles mögliche geredet, natürlich auch über die Depressionen. Damals war mir noch nicht klar, dass ich ebenfalls darunter leide und von ihr wusste ich nur, dass sie darunter leidet, es aber keinen speziellen Grund dafür gibt. Ich habe nicht nachgefragt, weil ich ihr nicht zu nahe treten wollte. Ich dachte, sie würde irgendwann von selbst davon erzählen, doch das geschah nie.

An sich hatten wir eine gute Beziehung zueinander und redeten viel, wenn wir uns – leider viel zu selten – trafen. Auch über diverse Suizidversuche hatten wir im Nachhinein geredet. Und manchmal frage ich mich, ob ich blind war, ob ich mehr hätte tun können oder ob ich vielleicht sogar die falschen Fragen gestellt hatte.

Der letzte Versuch veränderte sie.

Sie blühte auf, genoss ihr Leben in vollen Zügen, sie erreichte Ziele von denen sie vor Jahren nur zu träumen wagte. Sie wollte Kamerafrau werden und war auf dem besten Weg dorthin. Ich empfand Stolz für meine kleine Schwester. Hoffnungen entwickelten sich, Zuversicht machte sich breit und all die schlechten Gedanken verflogen. Wir beschlossen uns ein Tattoo stechen zu lassen, ein Semikolon das für das Weiterkämpfen steht. Das einen daran erinnert, dass die eigene Geschichte noch nicht vorbei ist und es sich zu kämpfen lohnt. Denn sie wollte leben, mit jeder Faser ihres Körpers und ich wollte sie dabei unterstützen. Man hörte es in jedem ihrer Worte, man las es in jeder ihrer Nachrichten und sah es im Glitzern ihrer Augen und dennoch hat all das nicht gereicht.

Vor etwas über einem Jahr beendete sie ihre Qualen. Und ich habe geweint, als ich es erfahren habe. Bitterlich geweint. Ich war am Boden zerstört. Nie wieder werde ich mit ihr sprechen können oder lachen und ich bereue es zutiefst, nicht mehr Zeit mit ihr verbracht zu haben. Heute weiß ich, dass die Depression mich daran hinderte. Dass ich mich wegen den trüben Gedanken nicht aufraffen konnte, in die Stadt zu fahren um mich mit ihr zu treffen. Und ich weiß, dass sie es auch wusste. Sie hatte Verständnis dafür, saß sie doch im selben Boot.

Liebe Hope,

vor vier Monaten war ich beim Tätowierer. Ich war dort um unser Versprechen einzulösen. Erst war ich glücklich, dann frustriert, denn es war nicht ganz so, wie ich es eigentlich wollte. Ich wollte es kleiner, zierlicher und irgendwie sah es mit der Vorlage auch kleiner aus. Doch nun war es so groß und ich musste mich erst daran gewöhnen. Der Prinz sagte zu mir, dass es dann eben ein großes Statement sei. Und heute kann ich sagen, dass er Recht hatte. Ich trage es mit Stolz, in Gedanken an dich und mit Hoffnung im Herzen. Dein Tod – und ich traue mich immer noch nicht es laut auszusprechen, weil ich Angst habe, die Leute könnten mich falsch verstehen, aber ich weiß, dass du es nicht falsch verstanden hättest – schenkte mir Hoffnung. Du, Hope, lebst in mir weiter. Ich kämpfe für dich. Ich werde nicht aufgeben, egal wie hart die Zeiten manchmal sein mögen oder wie sehr mich die Depression beutelt. Die Hoffnung, die du in mir geweckt hast, wird nicht sterben.

Ich liebe dich und auch nach einem Jahr vermisse ich dich noch immer sehr!

Seltsame Blicke

Seit ich dieses Tattoo habe, merke ich immer wieder, wie Kunden darauf starren, sich vermutlich fragen warum ich ein Semikolon tätowiert habe, weil sie die Bedeutung nicht kennen oder nach Narben an meinen Unterarmen suchen und mich mitleidig anschauen. Ich habe diese Tätowierung nicht, weil ich selbst suizidgefährdet bin, sondern weil ich mich, an dunklen Tagen, ans Kämpfen erinnern möchte, an eine Freundin die den Kampf verloren hat und für all jene, die im gleichen Boot sitzen, wie Hope und ich. Es soll ein Statement sein, es soll verbinden. Eine unsichtbare Brücke schlagen, zwischen all jenen die weiter kämpfen, ganz egal was kommt. Unsere Geschichte ist noch nicht vorbei!

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  1. ach barbara, das ist so traurig 🙁 es erschüttert mich immer wieder, wieviele menschen der depression zum opfer fallen und wie nebensächlich es immer noch in der gesellschaft behandelt wird. und doch, gib dich nicht dem gedanken hin, dass du etwas hättest ändern können. das konntest du nicht. es war ihre entscheidung, es war ihr wille und auch, wenn das eine vielleicht problematische aussage ist glaube ich doch, dass die ur-freiheit, die uns als menschen ausmacht, AUCH die ist, darüber zu entscheiden, ob wir leben wollen oder nicht. sie konnte es nicht und das ist absolut furchtbar. aber sie hat gekämpft, mit aller kraft, bis sie keine kraft mehr hatte. es war ihr wille. es war das, was sie wollte, auch wenn das für jeden, der diese gefühle nicht spürt, nicht vorstellbar ist. mach dir deswegen niemals vorwürfe. du warst für sie da, so gut du es konntest und du hast bestimmt viele ihrer stunden erhellt. nur das zählt.

    1. Mich auch Liebes! 😔 Vor allem wie nebensächlich und abwertend es in der Gesellschaft behandelt wird. Nein, diesen Gedanken hatte ich nie. Ich hätte an ihrer Entscheidung nichts ändern können, aber die Hoffnung wuchs nach ihrem letzten Versuch so stark an und es war erschütternd, dass es doch nicht reichte. Ich mache mir „nur“ Vorwürfe, dass ich die Zeit mit ihr nicht besser genutzt habe. Ich vermisse sie wirklich sehr. Für viele mag das eine problematische Aussage sein, aber ich denke da genauso. Niemand hat das Recht zu entscheiden ob ein anderer Leben will oder nicht. Tragisch ist es dennoch, wenn durch solche Umstände ein geliebter Mensch verschwindet.

      Auch wenn das jetzt komisch klingen mag, aber ich bin froh, dass ich die Gefühle in dieser Art nicht nachvollziehen kann, weil ich sie nie hatte. Ich kann mir nur ausmalen welche Qualen sie durch litt und wie ausweglos alles für sie scheinen mochte. Und das allein ist schon tragisch genug.

      Sie wird immer in meinem Herzen sein. 💕

      1. diesen vorwurf kenne ich leider nur zu gut 🙁 trotzdem hast du dein bestes gegeben und ich glaube, oft ist es nicht die effektive zeit, die wir mit jemandem verbringen, sondern die zuneigung, die wir dieser person entgegen bringen, die ausschlaggebend ist.

        ich finde nicht, dass das komisch klingt. ich denke, jeder kann sich glücklich schätzen, wenn er/sie keinen einblick in diese gedanken- und gefühlswelt hat…

        1. Aber auch da habe ich manchmal das Gefühl, dass es nicht genug war. Ich hing irgendwie in meiner Depressionsblase und hab es nicht gemerkt und jetzt ist es zu spät.

          Ok. Ich dachte nur es klingt irgendwie abwertend und das sollte es auf keinen Fall.

          1. ach liebes. genau das was du sagst. du hingst in deiner depressionsblase. du hattest keine kapazitäten. nicht, weil du nicht wolltest. weil du nicht konntest.

          2. Ja. So ist es leider und ich bin mir sicher, dass sie es wusste und dass sie auch wusste wie gern ich sie hatte. Ich werde sie im Herzen tragen.

          3. Echt? Ohje… mach dir bitte keinen zu großen Kopf um mich. Es ist soweit alles gut, manchmal wühlen einen bestimmte Themen einfach auf. Die zweite Staffel ist wirklich nicht ohne, aber irgendwie finde ich die Serie gut, aufklärend und vielleicht bewirkt sie ja auch was in den Köpfen der Menschen.

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