Heldenreise

Hallo, ich bin die Dicke.

21. April 2018

Der vermutlich schwierigste Beitrag, den ich hätte anfangen können. Aber seit Wochen tanze ich drum herum. Ich denke es ist wichtig, dass ich über dieses Thema offen spreche. Solange ich nicht offen darüber spreche, katastrophisiere ich es nur. Und ich sage dir ganz ehrlich, wie es ist:

Ich habe Angst.

Ich habe Angst davor es auszusprechen, schwarz auf weiß ins Internet zu schreiben und mich so derart angreifbar zu machen und vor der Ablehnung. Aber ich bin überzeugt davon, dass es mir helfen wird. Anhand des Bildes und des Titels weißt du ja schon, worum es grundsätzlich geht, aber ich möchte heute wirklich mal die Karten auf den Tisch legen. Am liebsten würde ich noch hinzufügen: Bitte hass mich nicht!

Wie schnell sich mein Hirn gerade wieder ablenken ließ. Faszinierend. Erst noch kurz das Header-Bild zuschneiden, hochladen, einbinden und nicht die Bildquelle vergessen! Zack waren einfach die Schotten dicht.

Das Skurrile daran ist, dass ich es ja nicht einfach mal nur aufschreiben kann. Es einfach rausschreiben, sozusagen. Ich müsste den Beitrag ja nicht einmal veröffentlichen, ich könnte ihn nur für mich verfassen und dennoch brauche ich, bis ich mal zum Punkt komme.

192 Wörter später

Körpergröße: 1,75 m Höchstgewicht: 180,8 kg aktueller Stand: 177,0 kg

Ich bin dick. Ha! Das war jetzt gar nicht mal so schwer. Und der ein oder andere mag jetzt vielleicht denken »Ja und? Ich auch.« oder »Ja ne, is klar.« Aber ich bin wirklich dick und um dir das zu veranschaulichen werde ich nicht hochrechnen, wie viele Personen ich von meiner selbst bin, sondern knallharte Fakten (siehe Bildunterschrift rechts).

Seltsam ist, dass man diese Masse auf dem Bild gar nicht so richtig erkennt. Oder? Könnten auch einfach nur 140 kg sein. Aber tatsächlich sind es rund vierzig Kilo mehr. (Das Bild hat übrigens eine liebe Freundin von mir gemacht, damit ich einen Vorher-Nachher-Vergleich machen kann und ist von Ende Februar.)

Woran liegt es?

Das grundlegende Prozedere (Kalorienaufnahme und -verbrauch) wie man zunimmt, muss ich denke ich nicht näher erklären oder? Das sollte jedem an sich ein Begriff sein. Eine solche Zunahme wie bei mir ist aber – und das kannst du dir vermutlich auch schon denken – nicht normal. Meine Therapeutin meinte einmal, der Mensch hätte eine Art innere Blockade, bei der er anfängt sich nicht mehr wohl zu fühlen und daher von selbst gegen die Zunahme agiert. So oder so ähnlich, zumindest habe ich es so abgespeichert. Aber, dass es bei mir so ausgeartet ist, muss einen Grund haben.

Ich habe eine Essstörung.

Tatsächlich habe ich eine Essstörung, bin Frust- oder besser gesagt Trostesserin par excellence. Essen ist für mich keine Beschäftigungstherapie aus Langeweile, wie es bei vielen anderen ist, sondern tatsächlich eine Form von Trost. Man isst, fühlt sich dank des Glückshormons Dopamin besser, dann tritt das Schuldgefühl in Kraft, man fühlt sich schlecht, benötigt Trost, man isst und zack heißt es:

Hallo Teufelskreis, alte Keule!

Ungefähr im Sommer 2016 war ich an einem Punkt, wo mir die Kraft fehlte und ich alleine einfach nicht mehr weiter gekommen bin. Denn um so einen Teufelskreis zu durchbrechen, benötigt es unglaublich viel Kraft und – wie ich jetzt weiß – vor allem Hilfe von außen. Ich habe mich selbst betrogen. Man blendet irgendwann einfach aus, was man schon gegessen hat und es kommt einem vor – weil es natürlich auch kaum was Sättigendes war – als hätte man eigentlich nicht wirklich was gegessen. Also habe ich mir erneut Hilfe gesucht, denn ich habe die Erfahrung gemacht, das nach Hilfe zu fragen, einen am Ende stärker macht.

Einmal Klinik und nie wieder

Ich habe mir schon öfter Hilfe gesucht. Vor ungefähr acht Jahren war ich in einer Klinik für psychosomatische Störungen und zu Anfang dachte ich auch, dass es mir wirklich was bringen würde. Aber es wurden immer nur die Symptome behandelt, nie das Kernproblem. Es wurde nicht einmal nach dem Kernproblem geforscht. Die Behandlung war sowohl für Magersüchtige, Bulimiker als auch für Adipöse die gleiche. Außerdem kam ich mir mit meinen kleinen Problemchen so völlig falsch vor an diesem Ort, zwischen all den Menschen die so viel mehr durchgemacht haben, als meine Wenigkeit.

Den richtigen Helfer wählen

Dennoch hatte ich das Gefühl, dass ich über so vieles reden müsste. Also habe ich mir, wie vorhin schon gesagt, Hilfe gesucht. Ich hatte mit zwei Therapeuten Kennenlernstunden, der eine wollte alles nur auf die Essstörung schieben und mich damit an ein Zentrum für Essstörungen verweisen. Bei ihm hatte ich einfach nicht das Gefühl, das er wirklich zugehört hat, was ich mit der Therapie erreichen möchte und bei der anderen bin ich dann geblieben. Sie ist keineswegs auf Essstörungen spezialisiert, dafür aber auf viele andere Gebiete, die mir zu Gute kommen. Ich habe von Anfang an klargestellt, dass es mir nicht darum geht über Essen, Diäten und sonst was zu reden. Mir ging es darum die Wurzel zu ziehen, das Übel beim Schopf zu packen. Denn es macht überhaupt keinen Sinn, wenn man die Wurzel nicht zieht, das Unkraut würde einfach wieder nachwachsen.

Fortschritte seither:

  • Übeltäter, wie den übereifrigen inneren Kritiker, entlarvt
  • herausgefunden wann ich esse, wenn ich esse (also nicht die normalen Mahlzeiten)
  • Probleme, Ängste und Unsicherheiten einfach mal laut auszusprechen und mit jemand neutralem zu analysieren, hilft ungemein
  • Fressattacken realisieren, während sie passieren und mittlerweile auch immer öfter, kurz bevor sie passieren (könnten)
  • mittlerweile merke ich, dass mir vieles von dem, was ich früher haufenweise in mich reinschaufelte, eigentlich gar nicht (mehr) schmeckt

All das und noch so einiges mehr, dass mir gerade nicht einfallen will, hat sich bei mir verändert und ich bin mächtig stolz darauf und froh darüber. Ich habe das Gefühl einen Grundstein gelegt zu haben, der mir in Hinsicht auf die Essstörung tatsächlich helfen kann. Natürlich heißt es dran bleiben und weiter kämpfen. Oft habe ich auch immer noch Angst, dass ich es niemals schaffen werde, aber ich bin nicht alleine. Ich habe Unterstützung und eine hervorragende Therapeutin, mit der ich tatsächlich über alles reden kann.

Schlusswort, bevor es zu lang wird

Ursprünglich wollte ich mit diesem Beitrag ganz woanders hin. Doch als ich dann die erste Hürde genommen hatte, flossen die Wörter nur so aus meinen Fingern. Vielleicht komme ich irgendwann noch mal genauer zu dem eigentlichen Thema, aber für heute möchte ich es dabei belassen. Es ist ein Herzensthema. Ein sehr schwieriges und – im wahrsten Sinne des Wortes – schwerwiegendes, aber ein Herzensthema.


Bildquelle: strecosa
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  1. Das glaub ich dir sehr gern das dir der Beitrag nicht leicht von den Fingern gegangen ist. Geht mir bei 1-2 Sachen -die ich jetzt auch schon ewig vor mir her schiebe- ähnlich. Bislang konnt ich mich nicht überwinden sie „laut“ auszuschreiben 🙂

    Ich war auch mal „dick“ Irgendwie mag ich das Wort nicht. Vllt. weil es so negativ behaftet ist … find das immer so schnell so abwertend. Also … ich hatte auch mal etwas viel mehr als nötig auf den Knochen. Einigen wir uns da drauf 😉
    Wie genau es angefangen hat,warum ich zugenommen hab (denn eigentlich war ich ein normalgewichtiges/schlankes Kind) und ob „nur“ das Mobbing (was mich quasie seit dem Kindergarten begleitet hat) reingespielt hat oder ob´s noch was andere war,weiß ich heute nicht mehr. In jedem Fall schlidderte ich sehr fix in eine Spirale aus Frustessen. Und danach kam der Selbsthass und noch mehr Frust. Die Reaktionen und Blicke von aussen hätten mir eigentlich gereicht. Zwar sah man auch mir das eigentliche Gewicht nicht an … war halt gut verteilt 😉 Aber böse Blicke,hirnlose Sprüche und Co gab es nun einmal trotzdem.

    Ein paar Jahre „drin“,schlidderte ich in die gegenteilige Richtung und wurd,nachdem ich erfolgreich abgenommen hatte,magersüchtig. Das begleitete mich bis ich ca. 25/26 Jahre alt war.

    Ein gesundes Verhältnis zu meinem Körper hab ich bis heute nicht. Auch kein anständiges Selbstbewustsein. Immer Angst wieder „dick“ zu werden,unkontrolliert zu zunehmen. Immer unsicher was mein Körper angeht. Zumindest alles was unterhalb der Achselhöhlen liegt. Von Selbstliebe red ich nicht einmal. Aaaaber,ich arbeite dran ^^ Ist schon viiiiel besser geworden,auch dank einer lieben Begleitung die ich über etwa 4-5 Jahre hatte,die mir auch sehr bei den Panikattacken geholfen hat.
    Bei mir ist dieses eher angespannte Verhältnis zum Essen halt nie verschwunden. Hab nur mit den Jahren gelernt damit zu leben. Quasie wie ein trockner Alkoholiker. Aber das reicht mir persönlich völlig 🙂

    Was mich vor Jahren richtig getroffen hat,war als meine Mama einmal sagte „ich hab Angst das du mich nicht lieb hast,weil ich dick bin“

    Ich drück dir von Herzen alle Daumen das du es mit der Zeit schaffst einen guten Umgang für dich mit Essen zu finden 🙂

    Liebe Grüße und ein schönes Wochenende

  2. Liebste Barbara,
    ich kann mir vorstellen was das an Überwindung gekostet haben muss und ich finde es immer wieder schön, wie offen du mit diesem … eigentlich mit allen Themen umgehst – das dir das schwerfällt hört man, dank deiner schönen Schreibweise, auch nicht heraus und das, finde ich, motiviert ungemein.
    Ich war zwar nie „dick“, darum möchte ich gar nicht vorgeben als wüsste ich, wie du dich fühlst, aber ich habe 10 Jahre lang Leistungssport betrieben und war trotz massenhaften Essens immer schlank (ja, mittlerweile könnte ich mich auch nicht mehr leiden :P). Als ich dann plötzlich mit Sport aufhörte und eigentlich gar nichts mehr an Bewegung machte, wusste ich gar nicht wie ich mit meinem Körper und dem Essen umgehen sollte und habe in ganz kurzer Zeit irre zugenommen – das hat mir ziemlich zu schaffen gemacht, weil ich keine Lösungsansätze hatte und Sport für mich flach fiel. Es hat eine ganze Zeit gedauert bis ich mich wieder eingependelt hatte. Und jetzt habe ich immer noch ein paar Kilo zu viel aber veruche daran zu arbeiten.

    Danke für deinen Motivationsschub – es geht immer weiter 😉
    Fühl dich gedrückt!

    Caro

  3. liebe barbara, ich bin wahnsinnig stolz auf dich, dass du diesen beitrag geschrieben und auch noch veröffentlicht hast. dinge auszusprechen, vor denen man angst hat, ist enorm wichtig. die angst ist da und wenn man sie verdrängt hat man keine chance gegen sie. es gibt keinen anderen weg als sie anzunehmen und einfach mitten durch zu gehen.
    ich bin sehr sehr froh für dich, nochmal zu hören, dass du endlich die richtige unterstützung gefunden hast. denn essstörungen sind IMMER nur symptome.
    außerdem kann man erleben nicht neutral abwägen. für jeden bedeutet es etwas anderes. auch wenn ich verstehe, was du meinst, kann man keine gleichung darüber aufstellen, was der oder die erlebt hat und wie schlimm das „netto“ ist und welche schwierigkeiten man danach dann damit haben „darf“. jeder mensch ist anders. und DU bist ein wundervoller mensch UND du hast das glück, jemanden an deiner seite zu haben, der dich liebt. das ist toll und wichtig und daraus kannst und darfst du kraft schöpfen. dennoch darfst du schmerz empfinden und dinge, mit denen du nicht zurecht kommst, für die du hilfe brauchst. ich wünsche dir soviel kraft und mut für deinen weiteren weg <3 <3

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