Heldenreise

Der graue Schleier

18. Juli 2017

Er legt sich über Farben, die tägliche Arbeit und die Hobbys, die eigentlich für Entspannung sorgen. Er verdunkelt sonnige Tage und sonniges Gemüt. Nichts ist vor ihm sicher. Er raubt einem jegliche Energie. Jede Bewegung fühlt sich an, als müsse man zum Marathon antreten. Man schleift seinen Körper hinter sich her.

Man nennt das auch Depression

In der vergangenen Woche hatte ich die schlimmste Depression, an die ich mich erinnern kann. So schlimm, dass ich mich nicht im Stande sah, in die Arbeit zu gehen und rund zweihundert Kunden anzulächeln – und sogar schon in der Jobbörse nach neuen Stellen gesucht habe, bei denen ich das nicht muss. Ein Glück, dass ich an einem der beiden Tage frei hatte und am anderen hab ich mich durchgebissen. Jedoch fühlte sich jedes Lächeln und jede Bewegung an, als würden zehn Kilo Blei an meinen Mundwinkeln und Armen hängen. An diesem Tag schrieb ich einer Freundin, dass ich einfach nicht mehr kann, diesen Zustand nicht mehr aushalte. Ein Zustand der einem inneren Kampf gleicht. Innerlich schreit man, weil man sich bewegen und Leistung bringen will oder einfach nur die Spülmaschine aus- und einräumen – auch wenn es das einzige ist, das man dann schafft. Doch der Körper bleibt still. Als wären sämtliche Verbindungsstellen von Hirn zu Körper ausgestöpselt, durchtrennt, für immer verloren.

Gefangen in der Hilflosigkeit

An solchen Tagen fühlt es sich an, als würde es nie wieder bessere geben und man hätte alle guten verschwendet, als hätte es überhaupt keinen Sinn sich Mühe zu geben um etwas zu ändern und als wären Lethargie und Weinkrämpfe die einzigen Gefühlsregungen zu denen man noch im Stande ist. Man möchte sich verkriechen, aus der Bettdecke eine Höhle bauen und mitten im Sommer einen Winterschlaf halten. Für mindestens sechs Monate. Der Wunsch nach einem Reißverschluss wird immer größer. Einem Reißverschluss mit dem man seine menschliche und depressive Hülle einfach abstreifen kann. Befreit und erleichtert eine neue Hülle wählen, die nicht diesem immensen psychischen Druck ausgesetzt ist. Doch ist mindestens eins davon absolut unmöglich. Man selbst glaubt nicht, die Kraft zu haben etwas daran zu ändern. Man fühlt sich hilflos und gefangen in einem nutzlosen Körper der nicht macht was und wie er soll.

»Du bist so ein Sonnenschein, du kannst nicht depressiv sein. Das glaube ich dir nicht.«

Kaum einer – der nicht selbst das Martyrium einer Depression durchlebt hat – glaubt mir das. Denn ich lächle. Immer. Während ich meine wahren Gedanken zu Tode schweige und über meine tatsächlichen Gefühle eine lächelnde Maske ziehe, tobt in mir ein Sturm. Ein trauriges, wütendes, alles verschlingendes Chaos. Doch mein Mund schweigt still. Ich möchte nicht im Mittelpunkt stehen, nicht das Mitleid aller ernten, keine Aufmerksamkeit erhaschen. Ich möchte für mich sein und das mit mir selbst ausmachen. Denn sobald ich auch nur ein winziges bisschen weniger lächle als normal, spricht mich jeder darauf an. Ich ertrage diese immense Fürsorge nicht. Fühle mich damit überfordert und verschließe mich nur noch mehr. Natürlich gibt es da Ausnahmen, denn den Menschen die mir wichtig sind und denen ich wichtig bin, denen möchte ich das alles erzählen, sogar entgegen brüllen, wenn wir uns noch nicht gegenüberstehen.

Nicht gesellschaftsfähig

Ich habe gelernt zu lächeln, wenn es mir scheiße geht. Es ist eine Form des Selbstschutzes. Die einen sagen »Passt schon!«, wenn sie nach ihrem Befinden gefragt werden, die nächsten verkriechen sich oder gehen aggressiv – im wahrsten Sinne des Wortes – damit um und dann gibt es Menschen wie mich, die einfach nur lächeln. Negative Gefühle und psychische Erkrankungen sind nicht gesellschaftsfähig, also versteckt man sie. Jeder entwickelt seine eigene Methode dafür. Doch jede dieser Methoden ist anstrengender, als seinen Gefühlen freien Lauf zu lassen. Nichts ist befreiender als zu weinen, wenn einem danach ist. Und das sage ich, die nicht einmal vor anderen weinen kann. Dabei geht es nicht um die Krokodilstränen die man verdrückt, weil ein Film traurig ist oder um die Freudentränen auf einer Hochzeit. Sondern um jene – von der Gesellschaft nicht gestatteten – Gefühlsregungen. Ich spreche von den Tränen die man weint, weil man völlig überfordert ist, weil man wahrhaftigen seelischen Schmerz empfindet, weil sich Wut in einem aufgestaut hat und es das einzige Ventil ist bei dem auch das Geschirr, die Möbel oder die Wohnung ganz bleibt.

Dies alles sind Tränen die ich weine und Empfindungen die ich durchlebe, wenn der graue Schleier sich über die Welt legt und alles in Lethargie hüllt.


Es handelt sich hierbei um einen Archivbeitrag, welcher (mit ursprünglichem Datum) vom alten Blog übernommen wurde. | Bildquelle: Aleksandar Pasaric

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